Bürgerliche Architektur:

Grapengießerstraße 45/Heiligengeiststraße 8 und 9

Der noch weitgehend original erhaltene Gebäudekomplex in der Grapengießerstraße 45  verdeutlicht die Lüneburger Parzellenstruktur und die Art der patrizischen Bebauung. Die Grundstücksbreite reichte über die gesamte Parzellenbreite, von der Grapengießerstraße bis zur Heiligengeiststraße, und bot damit mehreren Generationen von Patrizierfamilien eine den jeweiligen Ansprüchen gerecht werdende bauliche Grundlage. Im Jahr 1323 dienten zunächst das eingeschossige Haupthaus und ein zweigeschossiger Flügelbau Wohn- und Wirtschaftszwecken. Das Obergeschoss des seitlichen Flügelbaues nimmt einen Saal auf. Erst um 1500 wurde ein zweiter Flügelbau mit rückwärtigem Anschluss an das Haupthaus errichtet. Ein dritter Flügelbau an der Engen Straße ergänzt das Ensemble seit 1593.

Die beiden Nebengebäude Heiligengeiststraße 8 und 9 gehörten ursprünglich der gleichen Familie. Mehr als 150 Jahre lang wurden die Gebäude von den Sülfmeisterfamilien Witzendorff und Töbing bewohnt. Sie besaßen in der Saline bis zu fünf Siedepfannen, was sie zu den einflussreichsten Familien der Stadt machte. Wie bedeutend der Einfluss dieser Familien war, lässt die große Zahl der regierenden Bürgermeister und Ratsherren erahnen. Beide Familien stellten seit 1460 zusammen dreizehn Bürgermeister und sechzehn Ratsherren.

Entnommen aus "Lüneburger Patrizierarchiktektur des 14. bis 16. Jahrhunderts" von Karoline Terlau-Friemann (Lüneburg 1994) 

Das Gebäude Heiligengeiststraße 8 gehört als Nebengebäude zu dem historischen Gebäudekomplex Grapengießerstraße 45. Bei umfangreichen Renovierungsarbeiten Ende der achtziger Jahre wurde im Badezimmer eine bemalte Holzbalkendecke freigelegt. Der Befund veranlasste die Eigentümer zur Planungsänderung und Einschaltung einer Restauratorin. Da für eine derartige "Überraschung" keine Finanzierung vorgesehen war, konnten die erforderlichen restauratorischen Maßnahmen nur mit Hilfe der gewährten Zuwendungen von Stadt und Land durchgeführt werden.

Die ca. 17 m² große Decke zeigt figürliche Darstellungen neutestamentarischer Thematik in von kräftigem Beschlagdekor eingerahmten Kartuschen. Es handelt sich um eine Fassung, die aus denkmalfachlicher Sicht, aber auch für den Laien erkennbar, als künstlerisch bedeutsam zu werten ist.

(aus der Broschüre "Historische Wand- und Deckenmalereien")